Neue Philosophie der Mode   Ein Essay von Julian Jāggi  

Mode ist nicht einfach Kleidung: blosse Kleidung ist auf einen funktionalen, praktischen Nutzen reduziert, Mode hingegen zeichnet ein ästhetisches Surplus aus. Kleidung ist Notwendigkeit und Zweckmässigkeit. Mode ist Überschuss und Exzess. Als etwas, was den Bereich des Zweckmässigen und Notwendigen überschreitet, gehört Mode zum Bereich des Luxus. Dass also etwas Luxus oder Mode sein kann, setzt Überschreitung voraus, und zwar Überschreitung desjenigen, was als zweckmässig und notwendig betrachtet wird. ‹Notwendig› und ‹überflüssig› sind relationale Begriffe, da ihre Bedeutung von der persönlichen Situation des Individuums, von dessen sozialen und kulturellen Kontext abhängt. Ein Akt des Konsums ist erst dann ein Luxuskonsum, wenn dieser Akt übliche Verhaltensnormen überschreitet. Die Frage, was Luxus und Mode ist, kann daher nicht allein anhand soziologischer, ökonomischer, systemtheoretischer oder strukturalistischer Kriterien bestimmt werden, weil die Beantwortung dieser Frage eine subjektive Komponente miteinbeziehen muss. Damit etwas Luxus ist, müssen wir es subjektiv als Luxus erfahren. Genauso wird ein Kleidungsstück erst im Bewusstsein, im Erleben in ein vestimentäres Modeartefakt verwandelt. Es ist eine subjektive Erlebnisqualität, die Kleidung zu Mode macht. Wir erfahren, erleben Kleidung als Mode. Luxus und Mode haben eine enorme Strahlkraft. Menschen werden aus unterschiedlichen Motiven davon angezogen. Das Verlangen nach Mode, die mögliche Intention hinter Luxuskonsum, ist überdeterminiert: Leute kaufen und tragen aus allen möglichen Gründen Mode und umgeben sich mit Luxusgütern. Einer dieser Beweggründe liegt in der subjektiven Erfahrung des Luxus, im individuellen und inneren Erleben der Mode, im Anstreben unmittelbaren Vergnügens. Die Frage nach der subjektiven Erlebnis- und Erfahrungsqualität von Mode ist eine Frage, die kaum je gestellt oder beschrieben wird, weder von Akademikern, Journalisten oder Modefachleuten. Was beinhaltet und ermöglicht die Erfahrung von Mode für das Subjekt, das Individuum? Diese Frage gehört eigentlich ins Zentrum des Modediskurses.

Ein Artefakt ist dann Luxus oder Mode, wenn der Zweck des unnötigen Aufwandes, der für das Artefakt aufgebracht wird, in der Erfahrung von Luxus und Mode selber besteht. Luxus und Mode sind Phänomene, die den Zweck in sich selber haben. Ein Konsum von einem hochwertigen Gut ist dann ein Luxuskonsum, wenn die Intention hinter dem Konsum im Luxus selber besteht, wenn die Erfahrung, das Erleben von Luxus das Movens des Konsums ist. Der Beweggrund, Mode zu kaufen und zu tragen, liegt in der Mode selber, in dem, was die Mode ermöglicht: Selbsterfahrung, Ästhetisierung der Wirklichkeit. Es geht in der Mode um Lebensintensität, Freiheit, Evokation von Präsenz, Transformation des Selbst. Mode überschreitet das bürgerliche Dekorum des ‹guten Geschmacks›: sie ragt heraus, fällt aus dem Rahmen. Ob jemand etwas als Mode und Luxus erlebt, kann nicht von aussen objektiv bestimmt werden, weil es eine phänomenologische Gegebenheit ist, die nur aus der Perspektive der ersten Person, der Binnenperspektive des Subjekts, nachvollziehbar ist. Der Frage der subjektiven Erlebnis- und Erfahrungsqualität von Mode nachzugehen, heisst somit, über etwas zu schreiben, was letzendlich nichts anderes als gelebte Erfahrung sein kann. Es handelt sich um eine philosophische Frage, der ich mich mit dem französischen Philosophen Georges Bataille – der Philosoph des Luxus – nähere. Bataille war ein avantgardistischer und skandalöser Denker; er zählt zu den wichtigsten und einflussreichsten Philosophen der Moderne. Nach Bataille ist es der Luxus, wodurch der Mensch von der servilen, auf Notwendigkeit und Selbsterhalt ausgerichteten und der Zweckdienlichkeit unterworfenen Existenz befreit wird. In seiner Subjektivität liegt der souveräne Teil des Menschen. Dieser Teil ist Ausdruck von Luxus, von Verschwendung. Der Wert von Luxusmode und anderen luxuriösen Dingen (wie z.B. Juwelen) ergibt sich erst aus der Verschwendung des Vermögens, das dafür geopfert wird. In seinem Werk beklagt Bataille den Luxusschwund: das Verschwinden des ostentativen, generösen, dekadenten, masslosen, feudalen Luxus. Bataille war stark beeinflusst von Sade, Nietzsche, Freud, Psychoanalyse, Baudelaire, Proust, Dandytum. Daher sehe ich Bataille nicht nur als Philosoph des Luxus, sondern auch als Philosoph der Dekadenz. Bataille hat erkannt, dass uns die heutige moderne Gesellschaft insofern enttäuscht und niederdrückt, weil sie uns in zweckrationalen Zusammenhängen gefangen hält, so dass in ihr ein wesentlicher Faktor des Lebens abhanden kommt: der Verlust von Intimität, Lebensintensität, Souveränität. Die Entsakralisierung und Entzauberung der Welt in Neuzeit und Moderne hat zu diesem Verlust geführt. Der absolute Wert des Lebens liegt in der Souveränität und nicht in der Nützlichkeit oder Zweckdienlichkeit.

Der Mode, wie ich in diesem Text darlege, kommt eine sozial-emanzipatorische Kraft zu, da sie sich zweckrationaler Vernünftigkeit entzieht. Von ihr geht eine ansteckende Erregung aus, ein vitaler Überschwang elektrisierender Energie. Wenn wir dafür empfänglich sind, kann uns die Mode eine ästhetische und transzendente Selbsterfahrung eröffnen. Modisch gekleidet, eine modische Person zu sein, heisst nicht, nur Markennamen und teure Designerstücke zu kaufen und zu tragen, sondern liegt vielmehr am Umgang mit, am Verhältnis zu Kleidung. Dieser Umgang, dieses Verhältnis lässt sich am besten mit dem Begriff des Stils fassen. Das Geheimnis der Mode liegt in der geistigen Finesse, mit der eine Person sich selber und ihre Erscheinung vermittels Kleidung verwandelt. Die Vollbringung dieses ästhetischen Werkes an einem selber setzt eine gewisse Verfeinerung und Kennerschaft, eine Sensibilisierung für die materiellen Unterschiede in der Qualität von Kleidung, Stoffen und deren Verarbeitung, einen Blick für Details und das Aussergewöhnliche sowie die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit voraus. Modisch zu sein, geht nicht ohne die schöpferische Mühe, die darauf verwendet werden muss. Der entscheidende Punkt dabei ist Sprezzatura: dieser Aufwand darf in keinster Weise sichtbar sein! Mode muss immer wirken, als sei sie mühelos, ohne jegliche Anstrengung. Mode gehört zur Lebensform, die darin besteht, das eigene Leben als ein Kunstwerk zu begreifen. Eine modisch gewandete Person wird von der Beobachterperspektive aus als eine solche wahrgenommen, weil Mode Atmosphäre evoziert: Ausstrahlung, Stimmung, Aura. Da Mode erst durch das Getragenwerden wirklich wird (daher wirkt im Museum ausgestellte Mode nichtssagend), also immer eine Form von Verkörperung braucht, verlebendigt werden muss, hat sie keine Dauer, sondern existiert nur im Hier und Jetzt. Es ist der einzelne Augenblick körperlicher Präsenz, in der sich Mode manifestiert. Nur in solchen kostbaren Augenblicken erblüht die Mode und entfaltet ihre Wirkung.

Das Wesen der Mode ist die Neuheit. Es geht in der Mode um das Neue, das Zeitgemässe, den aktuellen Lebensmoment. Mode reflektiert die Gegenwart; sie ist Sinnbild für das Leben im Moment, den Genuss des Augenblicks, die Ästhetik der Existenz. Ihre Bedeutung liegt im Flüchtigen, Gegenwärtigen, Momenthaften, in der Kurzlebigkeit. Mode ist gegen jegliche Vorstellung von Dauer gerichtet. Dies bindet die Mode in eine profunde philosophische Ausdeutung ein. Das menschliche Leben stellt einen ständig vor die Frage entweder den einzelnen Moment zu leben oder in Sorge um die Zukunft das Leben auf später zu verschieben. In kaum einer anderen Philosophie ist dieses immerwährende menschliche Dilemma so dringlich behandelt worden wie in derjenigen von Bataille. Bataille hat das Dilemma, den einzelnen Moment ziel- und zwecklos zu leben oder fernerliegenden Interessen unterzuordnen, ins Zentrum seiner lebensphilosophischen Überlegungen gestellt. Das menschliche Leben ist unweigerlich von dieser Ambivalenz geprägt: Auf der einen Seite der Drang (und der Zwang) zu Arbeit, Produktivität, Akkumulation, auf der anderen Seite das Verlangen nach Luxus, Verausgabung, Genuss des Augenblicks. Schon seit Jahrtausenden, von der Vorgeschichte bis zum heutigen Tag, hält Bataille fest, ist die Arbeit die Grundlage der menschlichen Existenz. Die Erfindung der Arbeit hat den Menschen erst zum Menschen gemacht, weil sie die Zivilisation und den heutigen Wohlstand erst ermöglicht hat. Durch die Arbeit hat sich der Mensch erst erschaffen, sich selber aber dabei verloren, da er im Moment zu leben verlernt hat. Die Erfindung der Arbeit hat die existentielle Problematik des beschriebenen Dilemmas erst hervorgebracht. Selbst wenn wir versuchen, den Widerspruch durch ein Abwechseln, durch ein Gleichgewicht über die Zeit hinweg zu lösen, ist es letztendlich unmöglich, im Leben immer beide Forderungen, die nach Produktivität über die Zeit hinweg und die nach Luxus im Moment, auf befriedigende Weise zu erfüllen. ‹Der Glanz und das helle, gleichsam blendende Licht des Augenblicks› erlöschen, wenn wir auf die Arbeit fokussiert sind, wenn wir uns und unser Leben dem Kalkül fernerliegender Zwecksetzungen unterordnen. Die Arbeit unterliegt als eine Form von Berechnung einer Nutzenlogik, sie ist mit der vernünftigen Sorge um die Zukunft verbunden. Im Augenblick zu leben heisst hingegen keinen anderen Nutzen oder Zweck als den Augenblick selber zu verfolgen, ‹den Eingebungen des Verlangens, der brennenden Leidenschaft› zu folgen. Zu arbeiten, nützliche Projekte zu verfolgen – selbst wenn wir es freiwillig und gerne machen – heisst trotz allem zu dienen und zu verzichten, ist letztendlich immer mit Zwängen, Einschränkungen und Unterordnung verbunden. Die Tätigkeiten und das Leben selber haben dann keinen Wert in sich selber mehr, sondern werden einzig nach ihrem Nutzen, nach ihrem Profit bemessen. Die moderne Gesellschaft wird von der Ideologie beherrscht, die den Menschen einzig an seiner Nützlichkeit, Produktivität und Vernünftigkeit misst. Als Folge dieser Reduktion droht der Mensch den Zugang zu sich selber, zu seiner Subjektivität, zu verlieren, und fühlt sich nicht mehr ganz, nicht mehr vollständig. Erst wenn der Mensch dem momentanen Augenblick wieder den Vorrang vor Berechnung und Zukunftsangst zu geben vermag, indem er sich momenthaft von den Sachzwängen und Zweckdienlichkeiten, die ihn beherrschen, befreit, ist er souverän. Bataille hält fest: «Die Schönheit des souveränen Menschen liegt darin, dass er der Dauer gegenüber gleichgültig ist.» Die souveränen Momente im Leben sind die Momente, ‹in denen nichts zählt als der Augenblick, der schwindelerregende Augenblick›. Das ist Batailles philosophische und anthropologische Quintessenz. Das souveräne Leben im Moment ist das subjektive Leben, bei dem es primär um das Kriterium geht, was einem gefällt, und nicht, was nützlich oder profitabel ist. Nach Batailles Definition ist souverän, die Gegenwart zu geniessen, ohne irgendetwas anderes im Blick zu haben als die Gegenwart. «Allein der, dessen Wahl im Augenblick nur vom Gutdünken abhängt, ist souverän».

Luxus steht für eine Konsumtion oder Verausgabung, deren Interesse dem Augenblick selber gilt. In seiner Philosophie denkt und versteht Bataille die menschliche Existenz und die Geschichte vom Luxus und Überfluss her. Er postuliert, dass das beherrschende Ereignis in der Geschichte des Lebens auf der Erde die Entwicklung des Luxus ist und entdeckt in der Menschheitsgeschichte eine den Menschen bestimmende Verschwendungstendenz. Diese Verschwendungstendenz, eine anthropologische Konstante, die sich im Luxus manifestiert, ist untrennbar mit dem Leben im Augenblick verbunden und zeigt sich in souveränen menschlichen Erfahrungen wie der Poesie, dem Exzess, der Erotik, der Kunst u.a., oder der Mode! Solche Erfahrungen sind nach Bataille dann souverän, wenn sie das Individuum als eine Überschreitung erlebt und zwar als Überschreitung dessen, was gesellschaftlich üblicherweise von ihm erwartet wird, nämlich nützlich, produktiv, vernünftig zu sein: kurzum, die Überschreitung sozialer Normen. Nach Foucault leben wir in einer ‹Normalisierungsgesellschaft›. Der Übergang vom Ancien Régime in die Moderne ist mit einer Verschiebung in der Funktionsweise der Macht einhergegangen, wobei Herrschaftseffekte nicht mehr primär von Gesetzen und Verboten oder Institutionen ausgehen und Macht nicht mehr in einzelnen Subjekten konzentriert ist. Das Grundprinzip der neuen gesellschaftlichen Machtform ist die Norm. Die moderne Macht reguliert und normiert. Heute werden wir von Normen beherrscht. Das moderne Herrschaftsinstrument ist die Normierung. «Das ist so, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der das Verbrechen nicht mehr nur und vor allem eine Gesetzesübertretung darstellt, sondern in allererster Linie eine Abweichung von der Norm.» In einer komplett von Zweckrationalität und Praktikabilität verwalteten Welt würde es keinen Luxus, keine Mode mehr geben, weil alles, was als unnötig, überflüssig und unnütz gilt, wegrationalisiert worden wäre. Es würde kein Leben im Moment, keine Souveränität mehr geben. Den Menschen auf das ‹Notwendige› reduzieren zu wollen, wäre totalitaristisch. In diesem Sinne steht und fällt mit dem Luxus die Souveränität des Individuums. Bataille definiert Souveränität als die Befreiung der menschlichen Existenz vom Joch der Notwendigkeit. Die Mode ermöglicht uns, einen gewissen Freiraum gegenüber den Sittennormen und Verhaltensstandards etablierter Ordnung zu schaffen. Als überflüssiger Aufwand ist Mode unangemessen, masslos und frei von Sachzwängen. Darin liegt ihre befreiende Wirkung. Freiheit ist der Zustand, in dem sich der Mensch von der etablierten Ordnung und der traditionellen Moral lossagt. Die traditionelle Moral ist gegen die verschwenderische Sorglosigkeit gerichtet, sie verurteilt den Genuss des gegenwärtigen Augenblicks. Die traditionelle Moral sieht in der Bevorzugung des unmittelbaren Genusses die Wurzel des Bösen! Mode, als eine Form von unangepasstem Luxus, kann eine ästhetische Selbsterfahrung ermöglichen, die eine Transformation, eine innere Befreiung auslöst, weil sie vorherrschende Massvorstellungen, die üblichen Vorstellungen des Normalen, Notwendigen, Angemessenen überschreitet. Solche Momente der Überschreitung beschreibt Bataille als souverän, weil sie unser Erleben, unser Dasein intensivieren und uns wieder ein Gefühl der Ganzheit geben können. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass Mode nicht nur autonome kulturelle Schöpfung ist, sondern in die instrumentelle und moralische Ordnung der Welt eingreift. Desto mehr die Gesellschaft von ideologischen utilitaristischen Normen durchfunktionalisiert wird, desto stärker wird das Verlangen diese Normen zu überschreiten um sich das subjektive Leben, die ästhetische Erfahrung, das Leben im Moment zu bewahren. Solche Überschreitungen haben einen befreienden und transformierenden Effekt, weil sie die subjektive Empfindungs- und Daseinsweise intensivieren und erneuern. Bataille beschreibt, wie das Individuum in diesen Momenten der Überschreitung eine innere Belebung, einer Flamme gleich, erfährt und von Depression und Sorgen befreit wird. Das Leben im Moment zeigt sich in der Entfachung dieser inneren Kraft. Das Leben, wie Bataille schreibt, findet seine Grandeur und seine Wirklichkeit erst in der Ekstase. Der Höhepunkt des Lebens besteht in der Schönheit des unmittelbaren Augenblicks. Kein verpasster Moment kommt jemals wieder. Walter Pater hat daraus ein Lebensprinzip gemacht: «Immer wie diese starke, edelsteingleiche Flamme zu brennen, sich immer auf diesem Höhepunkte zu halten, ist Erfolg im Leben.»

Als das luxuriöse Sich-Einkleiden steht Mode für einen Lebensstil, bei dem es um die verfeinernde Kultivierung des Selbst geht: darum, sich auf eine Weise zu behandeln und auf sich selber einzuwirken, um aus dem eigenen Selbst, aus dem eigenen Leben ein Kunstwerk zu machen. In der ‹Geburt der Tragödie› schreibt Nietzsche, dass wir nur in der Bedeutung von Kunstwerken unsere höchste Würde haben, denn nur als ästhetisches Phänomen sei das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt. Indem wir beginnen, aus uns selber ein Kunstwerk zu machen und die Schönheit unseres eigenen Lebens herauszubilden, findet sowohl eine Transformation in unserem Verhältnis zu uns selber, wie auch in unserem Verhältnis zur Welt statt. Foucault sieht in diesem veränderten Verhältnis zu sich selbst und zur Welt die Möglichkeit, die Macht der Normierung zu konterkarieren. Mode ist Teil der Lebenskunst, die in der Sorge um sich selber besteht. Es geht in der Mode als Selbstsorge, mit Foucault gedacht, um die Erfahrung dessen, was wir sind, was unsere Gegenwart ausmacht, die Erfahrung unserer Modernität und zwar in dem Sinne, verwandelt daraus hervorzugehen. Mode ihrer selbst willen anzustreben heisst sich seiner eigenen Empfindungsweise und Individualität entsprechend zu kleiden und die eigene Persönlichkeit zu modellieren. Hierfür ist jenes Talent, jene Fähigkeit gefragt, die Balzac als ‹Geist der Nerven› bezeichnet hat: «Diese Kraft befähigt uns immer, die wirklich schönen und guten Dinge heraus zu finden, zu wählen, die Dinge, deren Gesamtheit mit unserer Physiognomie und unserem Schicksal übereinstimmen.» Mode, als die Art sich selber als ein Kunstwerk zu begreifen, ist Entfaltung von Stil. Stil ist ein epistemologischer Begriff, weil er sich auf die Weise des Erlebens bezieht. Der Stil strukturiert und organisiert unseren Blick auf die Welt, unsere Wahrnehmung. Ich beziehe mich hier auf zwei grundlegende Texte über Stil von Walter Pater und Susan Sontag: Stil als Zugang zur Welt, als Erlebnisweise. Auf die Mode übertragen, heisst das, dass sich in ihr subjektive Zustände, Innerlichkeit, Empfindungsvermögen zeigen. Sontag setzt Stil mit Kunst gleich. Die Person als Kunstwerk kann als autonome individuelle Schöpfung sowie als lebendige Bewusstseinsform gesehen werden. Ein solches Kunstwerk fasziniert, erregt, macht hörig, denn Mode überwindet die Realität durch Imagination. Nach Pater besteht Stil darin, die Wirklichkeit zu korrigieren, zu erweitern, zu verfeinern, zu differentieren und zwar durch Feingefühl und Geschmack. Die Mode ermöglicht Eskapismus, Realitätsflucht, Flucht vor Gewöhnlichkeit, Vulgarität, Langeweile, Normalität. In den Worten Baudelaires: «Die Mode muss also als ein Symptom des Strebens nach dem Ideal angesehen werden – nach jenem Ideal, das im menschlichen Gehirn alles überflutet, was das natürliche Leben an Grobem, Irdischem und Unsauberem dort aufhäuft.» Mode ist Artifizialität. Mode ist nie naturgegeben, weil Stil eine denaturierende Funktion hat. Was sich im Stil darstellt, so Wolfgang Iser, ist eine artifizielle Welt, die Ausdruck für die perspektivische Sicht des Einzelnen ist. Im Stil verliert die natürliche Welt des Erfahrbaren ihre Eigengesetzlichkeit zugunsten einer subjektiven Ordnung.

Mode muss dekadent sein! Wie die Modewissenschaft gezeigt hat, geht die Entstehung der modernen Mode in die Zeit während des Zweiten Kaiserreichs von Napoleon III zurück (1852-1870). In dieser Zeit ist die Mode von einem Handwerk in eine Kunst verwandelt worden. Die moderne Mode, wie wir sie in ihrer heutigen Form kennen, ist in der Demimonde der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Brennpunkt Paris entstanden. Die Demimonde lässt sich als Gegenkultur beschreiben, die ausserhalb der Gesellschaftsordnung, der sozialen Struktur mit ihrer Geschlechter- und Klassentrennung, steht. Die wichtigsten Impulse für die Entstehung der Haute couture und deren späteren Ummodelung in prêt-à-porter de luxe sind von den Figuren dieser Demimonde gekommen: vom Dandy und der grande cocotte, der Femme fatale. Es waren diese Figuren, die neue Modestile erfanden. Die Demimonde, aus der die moderne Mode stammt, ist ein subkultureller Stil, der auf dekadentem Bewusstsein beruht bzw. als ein Symptom dekadenten Bewusstseins zu betrachten ist. Mit ‹Dekadenz› ist spezifisch die künstlerische, literarische und philosophische Bewegung im Europa ende des 19. Jahrhundert bezeichnet. Camille Paglia datiert den Beginn der Dekadenz auf 1830. Der Erste Weltkrieg (1914) hat die Dekadenz beendet. Diese Bewegung ist durch ihre Überschreitung normativer gesellschaftlicher Standards (Geschlechter- und Sittennormen) und die Dekomposition klassischer ästhetischer Ideale charakterisiert. Durch Experimentierfreudigkeit und transgressive Motive – z.B. die Frau als Femme fatale, der Mann als verfeinerter Ästhet, das Interesse an sexuellem Nonkonformismus wie Homosexualität, Androgynie, Sadomasochismus, Narzissmus und sexueller Obsession, der Hang zum Morbiden, Krankhaften, Exotischen und Orientalischen, die Apotheose von Artifizialität (Schminke, Schmuck, Ornament) – hat sie überkommene traditionelle Werte in Frage gestellt. Aus der heutigen Perspektive hat dies zu künstlerischer Innovation und allgemeiner kultureller Neuheit geführt: die Dekadenz hat in die moderne Avantgarde geführt. ‹Dekadenz› ist kein historischer und kein politischer, sondern ein ästhetischer und psychologischer Begriff, der sich nicht auf die Geschichte, sondern auf die Kunst und das Subjekt bezieht. Wie Vladimir Jankélévitch aufgezeigt hat, ist Dekadenz nichts Strukturelles und kein historischer Inhalt, sondern eine Haltung, eine Neigung! Dekadenz, wie es Umberto Eco auf den Punkt gebracht hat, ist ein Lebensmodell, bei dem es darum geht, alle Aspekte des Lebens im Lichte der Schönheit zu erlösen. Dekadenz als Lebensmodell zielt auf Verfeinerung, Nuanciertheit und Intensität in Wahrnehmung und Erleben, auf die Ausweitung der Grenzen sinnlicher und geistiger Erlebnisfähigkeit.

Dekadenz kämpft gegen den Verrat an der Materialität von Zeichen und Gegenständen und versucht, an Oberflächen und Empfindungen festzuhalten. Diese Liebe zur Oberfläche ist ein Zeichen von Tiefe, wie Nietzsche wusste: zu leben heisst bei der Oberfläche stehen zu bleiben, «den Schein anzubeten, an Formen, an Töne, an Worte, an den ganzen Olymp des Scheins zu glauben!» Wer in der Mode nur etwas Frivoles und Oberflächliches sieht, ist nicht sehr tiefgründig. Dekadenter Stil ist superfiziell, ornamental, dekorativ, weil Dekadenz dem Überflüssigen, dem ästhetischen Überschuss, dem Exzess den grössten Wert beimisst. Exzess, Luxus gehört zum menschlichen Leben, ermöglicht erst dessen Souveränität. Die Mode steht unter dem Zeichen der Dekadenz. Das gierige und leidenschaftliche Streben nach dem Neuen, nach dem augenblicklichen Lebensmoment, apollinischer Schönheitstrieb, Stil und Artifizialität, die Person als Kunstwerk und die Liebe zu Glanz, Schein und Oberfläche sind ihre dekadenten Wurzeln!

«Die Kleidung», so Balzac, ist «die ungeheuerste Änderung, die das soziale Individuum zu erfahren hat; sie verändert die Existenz in eingreifender Art.» Mode gehört zu einem Kult des Selbst, der eng mit der Erlebnisqualität des Besitzens verknüpft ist. Es geht bei Luxus und Mode ums Besitzen! Das Erwerben und Besitzen von etwas kann eine aussergewöhnliche ästhetische Erfahrung sein. Walter Benjamin schreibt vom «Schauer des Erworbenwerdens». Das Phänomen des Besitzens hat nicht nur eine soziologische und ökonomische, sondern vor allem eine philosophische und phänomenologische Dimension. So gesehen ist das Besitzen etwas, womit wir eine Beziehung zur Welt und zu uns selbst herstellen und dies als etwas Erhebendes erfahren mögen. Benjamin hat dies aussergewöhnlich gut beschrieben: Das Glück etwas zu haben kann so stark sein, dass uns der Verlust des Besitzes zu Kranken und das Besitzenwollen zu Verbrechern machen kann. Die Dinge, die wir lieben, werden zu einer Extension unserer selbst. Weil wir in diesen Dingen lebendig werden, ist der Besitz das allertiefste Verhältnis, das man zu Dingen überhaupt haben kann. Dies beleuchtet einen Aspekt am Luxus, der meistens im Dunkeln bleibt: nämlich Shopping, Luxus als Therapie! Luxus ist der Definition nach ein überflüssiger verschwenderischer Aufwand. Erst jenseits des Bereichs des Notwendigen und Zweckdienlichen kann sich der Mensch als souverän erfahren. Im Luxuskonsum wird dieser Bereich überschritten, weil sich das Individuum für einen Moment von der Zweckrationalität, die sein Leben beherrscht, befreit. Luxuskonsum muss spontan, nonchalant, unvernünftig, verschwenderisch, einzig auf den Moment ausgerichtet sein. Bataille beschreibt die souveräne Überschreitung als Transformator, der Verzweiflung in Freude, Depression in Spannung und Niedergedrücktheit in Überschwenglichkeit verwandelt. Die Psychoanalyse hat gezeigt, dass Luxuskonsum als dieser Transformator wirken kann. Karl Abraham hat in seiner psychoanalytischen Praxis die Beobachtung gemacht, dass viele neurotische Patienten die Tendenz zu plötzlichem attackenartigem Verschwenden von Geld für unnötigen Luxus haben, um ihren Angstzuständen und Depressionen abzuhelfen. Diese Verschwendungsattacken kompensieren sexuelle Unzulänglichkeiten, an denen die Patienten leiden. Abraham beschreibt, dass die Patienten dabei einen Moment der Befreiung erleben, in dem sie sich sexuell adäquat fühlen. Shopping, Luxuskonsum wie der Erwerb schöner Kleidung kann mit einer Erlebnisqualität verbunden sein, die uns psychisch erhebt und therapiert, innerlich befreit und vitalisiert, weil wir den Konsum, den Erwerb als ‹gloriose Tat› erfahren. Es ist der transgressive, transformative und schöpferische Geist der Mode, der sie im sakralen sozialen Zentrum menschlicher Strebungen und Emotionen verortet.

© Julian Jāggi, Zūrich 2018

PDF ‹Neue Philosophie der Mode› mit Fussnoten Bibliografie verwendeter Literatur: Karl Abraham: The spending of money in anxiety states (1917), in: Selected Papers of Karl Abraham, <https://archive.org/stream/selectedpapersof032367mbp/selectedpapersof032367mbp_djvu.txt>. Emily Apter: Spaces of the Demimonde/Subcultures of Decadence: 1890-1990, in: Liz Constable et al. (Hg.): Perennial Decay. On the Aesthetics and Politics of Decadence, Philadelphia (University of Pennsylvania Press) 1999, S. 142 – 158. Honoré de Balzac: Die Gesetze des eleganten Lebens [Traité de la vie élégante, 1830], Bergisch Gladbach (Chevalier Verlag) 2010. Georges Bataille: Anziehung und Abstossung. Tropismen, Sexualität, Lachen und Tränen, in: Denis Hollier (Hg.): Das Collège de Sociologie 1937-1939, Berlin (Suhrkamp) 2012, S. 112 – 129. Georges Bataille: Anziehung und Abstossung. Die soziale Struktur, in: Denis Hollier (Hg.): Das Collège de Sociologie 1937-1939, Berlin (Suhrkamp) 2012, S. 130 – 150. Georges Bataille: Die Literatur und das Böse, Berlin (Matthes & Seitz) 2011. Georges Bataille: Nietzsche und der Wille zur Chance (Atheologische Summe III), Berlin (Matthes & Seitz) 2005. Georges Bataille: Die Souveränität , in: ders.: Die psychologische Struktur des Faschismus. Die Souveränität, München (Matthes & Seitz) 1997, S. 45 – 86. Georges Bataille: Theorie der Religion, München (Matthes & Seitz) 1997[a]. Georges Bataille: Die Erotik, München (Matthes & Seitz) 1994. Georges Bataille: Die Tränen des Eros, München (Matthes & Seitz) 1993. Georges Bataille: The Sacred Conspiracy, in: Allan Stoekl (Hg.): Visions of Excess. Selected Writings, 1927-1939, Minneapolis (University of Minnesota Press) 1985, S. 178-181. Georges Bataille: Die Aufhebung der Ökonomie [Der Begriff der Verausgabung. Der verfemte Teil. Kommunismus und Stalinismus], München (Roger & Bernhard) 1975 (Georges Bataille. Das theoretische Werk 1). Charles Baudelaire: Das Schöne, die Mode und das Glück. Constantin Guys, der Maler des Modernen Lebens, Berlin (Alexander Verlag) 1996. Charles Bernheimer: Unknowing Decadence, in: Liz Constable et al. (Hg.): Perennial Decay. On the Aesthetics and Politics of Decadence, Philadelphia (University of Pennsylvania Press) 1999, S. 50 – 64. Walter Benjamin: Ich packe meine Bibliothek aus. Eine Rede über das Sammeln, in: Tillman Rexroth (Hg.): Walter Benjamin. Gesammelte Schriften IV, I, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1981, S. 388 – 396. Umberto Eco: Die Geschichte der Schönheit, München / Wien (Carl Hanser) 2004. Michel Foucault: Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 2013. Michel Foucault: Der Mensch ist ein Erfahrungstier. Gespräch mit Ducio Trombadori. [1978], Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1996. Michel Foucault: Die Maschen der Macht, in: Daniel Defert / François Ewald (Hg.): Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, Band 4 1980-1988, Frankfurt a.M. (Suhrkamp Verlag) 2005, Nr. 297 S. 224 – 244, Wolfgang Iser: Walter Pater. Die Autonomie des Ästhetischen, Tübingen (Max Niemeyer Verlag) 1960. Vladimir Jankélévitch: Austerität und Dekadenz [1956], in: Das Verzeihen. Essays zur Moral und Kulturphilosophie, Frankfurt [a.M.] (Suhrkamp) 2003, S. 186-239. Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft [1887], Felix Meiner Verlag (Hamburg) 2013 (Friedrich Nietzsche. Philosophische Werke in sechs Bänden. Herausgegeben von Claus-Artur Scheier). Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie [Neue Ausgabe 1886], Hamburg (Felix Meiner Verlag) 2013 (Friedrich Nietzsche. Philosophische Werke in sechs Bänden. Bd. 1). Camille Paglia: Die Masken der Sexualität, München (DTV) 1995. Walter Pater: Die Renaissance. Studien in Kunst und Poesie, Jena/Leipzig (Eugen Diedrichs) 1906. Walter Pater: Style [1888], in: ders.: Selected Writings of Walter Pater, edited with an introduction and notes by Harold Bloom, New York (Columbia University Press) 1974, S. 103 – 124. Susan Sontag: Über den Stil (On Style) [1965], in: dies.: Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen, Frankfurt [a.M.] (Fischer) 2006, S. 23 – 47. Barbara Vinken: Fashion Zeitgeist. Trends and Cycles in the Fashion System, Oxford/New York (Berg) 2005.